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Orte des Gedenkens an rechtsradikale Gewalt − im Gespräch mit Johann Henningsen über den Pogrom in Rostock-Lichtenhagen

Johann Henningsen ist Historiker und Doktorand im Projekt „Die radikale Rechte in Deutschland, 1945–2000“ am Moses Mendelssohn Zentrum und am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam. Er promoviert dort zu einer integrierten Geschichte des rassistischen Pogroms in Rostock-Lichtenhagen 1992. Zuvor war er Projektkoordinator im Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“ in Rostock.

LaG: Rostock-Lichtenhagen und das dortige Sonnenblumenhaus wurden 1992 bundesweit und auch im Ausland bekannt durch ein Ereignis, das wir heute als größten Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte bezeichnen. Können Sie für unsere Leser*innen kurz skizzieren, was damals dort geschah?

Johann Henningsen: In Rostock-Lichtenhagen wurden im August 1992 über mehrere Tage hinweg vietnamesische Arbeitsmigrant*innen und Asylsuchende angegriffen, die im sogenannten Sonnenblumenhaus untergebracht waren – einem langgestreckten Plattenbau, in dem sich die Zentrale Aufnahmestelle für Asylsuchende und ein Wohnheim für ehemalige Vertragsarbeiter*innen befanden. Es beteiligten sich mehrere hundert Menschen aktiv an der Gewalt. Mehrere tausend Zuschauer*innen feuerten die Angreifer*innen teilweise an. Der Polizei gelang es nicht, die Angriffe zu unterbinden und die Angegriffenen zu schützen. Am dritten Tag wurden die Asylsuchenden aus der Aufnahmestelle in andere Sammellager im Bundesland gebracht. Die ehemaligen Vertragsarbeiter*innen aus Vietnam blieben jedoch im Wohnheim. Die Polizei zog sich dann zurück und die Angreifer*innen konnten so das Haus teilweise in Brand setzen. Im Haus befanden sich zu diesem Zeitpunkt noch ungefähr 100 Menschen aus Vietnam und einige Unterstützer*innen sowie ein Kamerateam des ZDF. Die Menschen aus Vietnam konnten sich vor den Flammen auf das Dach retten. Das Pogrom in Lichtenhagen wurde von Kamerateams begleitet, ab dem zweiten Tag war das der Aufmacher in der Tagesschau. Es wurde teilweise live aus Lichtenhagen berichtet und durch diese große Medien-Öffentlichkeit, durch die Bilder des brennenden Hauses und der tausenden Umstehenden, die applaudierten, bekam das Ereignis schnell eine sehr große, auch internationale Sichtbarkeit. Und wir sprechen heute von dem größten Pogrom der deutschen Nachkriegsgeschichte, weil die klassischen Elemente eines Pogroms auf dieses Ereignis zutreffen, unter anderem zahlenmäßig in Bezug auf die aktiven Gewalttäter und auch die Bystander*innen.

LaG: Sie sind selbst am Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“, Rostock tätig. Können Sie kurz etwas zu Ihrer Arbeit dort sagen?  

Johann Henningsen: Das Dokumentationszentrum gibt es seit 2015, es wird von der Stadt Rostock gefördert und ist beim Verein Soziale Bildung ansässig. Wir machen dort Bildungsarbeit mit Jugendlichen, aber auch mit Erwachsenen zum Pogrom in Lichtenhagen. Wir haben ein Archiv, beraten Journalist*innen und Wissenschaftler*innen, die sich mit dem Pogrom in Lichtenhagen auseinandersetzen wollen und vernetzen zivilgesellschaftliche Akteur*innen. Seit 2021 ist ein Schwerpunkt die Arbeit mit Betroffenen des Pogroms aus rumänischen Rom*nja-Communities. Über ihre Perspektiven war 30 Jahre in Deutschland so gut wie nichts bekannt. Meine Hauptbeschäftigung ist jetzt am Moses Mendelssohn Zentrum in Potsdam die Promotion mit einer Studie zu Lichtenhagen. Es gibt relativ viele wissenschaftliche Veröffentlichungen zu Lichtenhagen über die Erinnerungskultur, aber immer noch keine wirklich umfassende, archivgestützte Ereignisdarstellung. Viele Archivbestände zum Pogrom in Lichtenhagen sind auch noch nicht bearbeitet worden.

LaG: Von Beginn an entbrennt ein Streit um das Gedenken daran: 1992 bringen französische Juden und Jüdinnen eine Gedenktafel am Rostocker Rathaus an, die wieder abgenommen wird. 2012 pflanzt die Stadt eine sogenannte Friedenseiche am Sonnenblumenhaus, die kurz darauf abgesägt wird. Offenbar gab es in den ersten Jahrzehnten sehr unterschiedliche Sichtweisen auf das Ereignis. Wer waren die wesentlichen Kontrahent*innen in den Auseinandersetzungen?

Johann Henningsen: Diese beiden Ereignisse sind nicht repräsentativ für die Aufarbeitung und das Gedenken in Rostock zwischen 1992 bis 2012 – auf der lokalen Ebene ist da relativ wenig passiert. Der Untersuchungsausschuss auf Landesebene und ein Großteil der Gerichtsverfahren gegen die Täter werden 1993 abgeschlossen. Und erst 2002 gibt es dann die erste offizielle Gedenkveranstaltung der Stadt Rostock. Aber abseits davon wird das Gedenken bis 2012 eigentlich größtenteils von zivilgesellschaftlichen und aktivistischen Akteur*innen aus Rostock und Mecklenburg-Vorpommern gestaltet. Bundesweit erfährt es relativ wenig Aufmerksamkeit. Wenn wir uns die von Ihnen angesprochenen Ereignisse anschauen, ist es wichtig zu sehen: Beide Aktionen erfuhren zeitgenössisch bereits viel mediale Aufmerksamkeit. Das war von den Aktivist*innen, die diese Aktion durchgeführt haben, auch genauso geplant. Serge und Beate Klarsfeld, die zusammen mit Roma-Aktivist*innen aus Hamburg die Gedenktafelaktion am Rathaus mitgestaltet haben, kalkulierten ein, verhaftet zu werden, und dass es Auseinandersetzungen mit der Polizei gibt. Dies sollte, ebenso wie auch das Fällen der Friedenseiche 2012, die Aufmerksamkeit auf das inhaltliche Thema der Aktion lenken und Öffentlichkeit herstellen.

LaG: Warum wurde denn diese Gedenktafel 1992 gleich wieder abgenommen?

Johann Henningsen: Die Aktivist*innen aus Frankreich hatten eigentlich zwei inhaltliche Punkte auf dieser Gedenktafel. Sie stellten eine Verbindung her zwischen der Verfolgung von Rom*nja im Nationalsozialismus und der antiziganistischen Gewalt in Lichtenhagen. Und sie wollten gegen das Rückübernahmeabkommen zwischen Deutschland und Rumänien protestieren, das im September 1992 geschlossen wurde und die Abschiebung von rumänischen Asylsuchenden erleichtern sollte. Die Stadt Rostock verwehrte sich vor allem gegen die Bezugnahme auf den Nationalsozialismus, da ging es um den Ruf der Stadt. Und der pragmatische Umgang der Stadt Rostock war dann, diese Tafel abzunehmen und erst mal im Rathaus zu verwahren. Man hätte sich damals eingestehen müssen, dass es keine Gewalttat von betrunkenen oder verwahrlosten Jugendlichen war, sondern ein Pogrom. Erkennbar wird das etwa an der gesellschaftlichen Integration von Gewalt − dass die Massengewalt nur möglich war, weil es tausende Bystander*innen gab, weil Politik und Verwaltung sie zuließen, weil die Polizei nicht ausreichend intervenierte.

Die Gedenktafel am Rostocker Rathaus erinnert an die Protestaktion vom 19.10.1992, enthüllt am 25.08.2023 © Roland Hartig / IMAGO   

LaG: Welche Rolle spielt die juristische Aufarbeitung des Geschehens?

Johann Henningsen: Wenn wir uns den Umgang von Polizei und Justiz mit rechter und rassistischer Gewalt Anfang der 1990er Jahre anschauen, dann werden Täter gewöhnlich entweder gar nicht verfolgt oder bekommen sehr milde Strafen. Dieser lasche juristische Umgang mit den Tätern fügt sich in eine Umgangsweise mit rechter Gewalt ein, die sehr stark pädagogisierend und verharmlosend ist. Man reagiert zu der Zeit auf rechte Gewalt, indem gewalttätigen Jugendlichen mehr Angebote gemacht werden und die akzeptierende Jugendarbeit gestärkt wird. Zugleich bleibt jedoch die materielle Unterstützung für die Betroffenen aus.

LaG: Gab es im Nachhinein Versuche der extremen Rechten, dieses Ereignis für sich zu vereinnahmen? Oder Angriffe von rechter Seite auf die Erinnerungsarbeit?

Johann Henningsen: Nach dem Pogrom in Lichtenhagen eskaliert die rechte Gewalt in ganz Deutschland so massiv, wie man es nach 1945 in dieser Dynamik noch nie gesehen hat. Dieses eine Ereignis führt dazu, dass Neonazis Brandanschläge in ganz Deutschland begehen und im November 1992 in Mölln drei Menschen töten. Das Pogrom in Lichtenhagen war für Rechte aus ganz Deutschland eine unglaubliche Ermächtigungserfahrung – durch den unzureichenden Polizeieinsatz, die unzureichende juristische Aufarbeitung und letzten Endes durch die Einschränkung des Grundrechts auf Asyl. Dadurch wurden Möglichkeitsräume für die spätere Mord- und Anschlagsserie des NSU geschaffen.

1998 will die NPD im Landtagswahlkampf die Abschlusskundgebung in Lichtenhagen vor dem Sonnenblumenhaus machen. Das wird dann gerichtlich verboten. In den vergangenen Jahren wurden die Stelen und auch die Gedenktafel am Rathaus mehrmals beschmiert und beschädigt.

LaG: Die Arbeitsgemeinschaft Gedenken gründete sich auf Initiative der Stadt 2012, mit Vertreter*innen der Stadtgesellschaft, der Stadtverwaltung, der Bürgerschaftsfraktionen. Wie kann erklärt werden, dass politische Entscheidende erst zwei Jahrzehnte später einen angemessenen Umgang mit dem Ereignis finden?

Johann Henningsen: Ich würde eher fragen, wie konnte schon 2012 ein partizipativer Prozess beginnen, in dem Stadtverwaltung, Politik, Rostocker Zivilgesellschaft und auch migrantische Selbstorganisationen von außerhalb Rostocks an einen Tisch kamen und gemeinsam darüber entschieden, wie das Gedenken institutionalisiert werden soll. Wenn wir das mit anderen Städten vergleichen, wie zum Beispiel Hoyerswerda, Mölln, Solingen, dann ist das in Rostock wirklich einzigartig. In Hoyerswerda gab es zeitgleich eine hart geführte lokale Auseinandersetzung um den Gedenkort für das Pogrom, mit rassistischen Argumenten und Widerständen in der Stadtbevölkerung. Ich würde Rostock da eine Vorreiterrolle zusprechen.

Im November 2011 war die Selbstenttarnung des NSU, zuvor 2004 war Mehmet Turgut vom NSU in Rostock ermordet worden, und es zeigte sich: Auch Rostock ist eine Tatort-Stadt. Und es entwickelte sich noch einmal eine gesteigerte Aufmerksamkeit für rechte Gewalt und Rassismus. 2012 anlässlich der 20. Jahrestage des Pogroms in Rostock-Lichtenhagen entbrannten dann Konflikte um die Gedenkveranstaltungen: Aktivist*innen betonten bei einer Demonstration die Kontinuität des Rassismus, während die Stadt und Teile der Rostocker Zivilgesellschaft mit einem Bürgerfest am Sonnenblumenhaus zeigen wollten, dass die Stadt sich verändert hat. Dann sägten linke Aktivist*innen nachts die von der Stadt am Sonnenblumenhaus gepflanzte „Friedenseiche“ ab. Das führte zu einer sehr großen öffentlichen Aufmerksamkeit, bundesweit entstand der Eindruck, dass Rostock keinen adäquaten Modus des Gedenkens an Rostock-Lichtenhagen gefunden hat. Daher entschied die AG Gedenken, es soll dezentrale Erinnerungszeichen verteilt im öffentlichen Stadtraum geben und eine Projektstelle, aus der später das Dokumentationszentrum „Lichtenhagen im Gedächtnis“ wurde.

LaG: Wie wird denn heute im Stadtraum Rostock an diesen Pogrom erinnert?

Johann Henningsen: Es gibt seit 2017 in Rostock fünf Stelen. Die sind Teil des Kunstwerks „Gestern Heute Morgen“, des Siegerbeitrags in einem öffentlichen Kunstwettbewerb, den die Stadt Rostock ausgelobt hat und der dann von der AG Gedenken mitgestaltet wurde. Die Stelen markieren verschiedene Orte, die in Zusammenhang mit dem Pogrom in Lichtenhagen stehen. Das Besondere dabei ist zum einen der dezentrale Charakter und, dass vor allem Orte von Akteursgruppen markiert werden, die eine Verantwortung für die Gewalt tragen. Es gibt etwa eine Stele vor dem Rathaus, eine vor einer Polizeiwache, eine vor der Redaktion der Ostsee-Zeitung. Das Kunstwerk wurde 2018 noch mal erweitert um eine Stele, die den Betroffenen der Gewalt gewidmet ist. Das war nicht Teil des ursprünglichen Konzepts. Dazu kommt die Gedenktafel am Rathaus ab 2012 und in Rostock-Dierkow das Denkmal zur Erinnerung an Mehmet Turgut und dessen Ermordung.

Kunstwerk „Gestern Heute Morgen“ im Gedenken an die Ausschreitungen von Rostock-Lichtenhagen, Stele „Selbstjustiz“ vor dem Sonnenblumenhaus, 2020 © SchiwagoRostock Gestern Heute Morgen Selbstjustiz1 2020-06-11, CC BY-SA 3.0

Aber dieses Gedenkkonzept ist nicht mehr erweiterbar. Die Stelen sind überhaupt nicht erklärt, das sind weiße Marmorstelen, deren Gestaltung nicht auf den Inhalt schließen lässt. Die einzigen Erläuterungen sind kleine Bodenplatten, die mit ein paar Meter Abstand zur jeweiligen Stele eingelassen sind. Da steht dann der Titel der Stele. Das ist immer ein Wort – am Sonnenblumenhaus etwa „Selbstjustiz“ oder bei der Polizei „Staatsgewalt“. Und dann gibt es einen Link zu einer Internetseite mit kurzen Texten. Es gibt keine Studien zur Wirksamkeit oder Wahrnehmung dieser Stelen. Die anekdotische Empirie aus der Bildungsarbeit und aus Gesprächen in Rostock ist aber, dass zum Beispiel Jugendliche, die jeden Tag auf ihrem Schulweg an der Stele vorbeilaufen, sie nicht kennen und nicht einordnen können, teilweise überhaupt noch nicht wahrgenommen haben. Manchmal werden sie für Stromkästen gehalten. Die Künstler*innen lehnen jedoch jede Erweiterung ab.

LaG: Werden die Stelen von der Stadtgesellschaft angenommen? Verwehren sich Rostocker Bürger*innen heute gegen die Erinnerung an den Pogrom in Lichtenhagen wie sie jetzt besteht?

Johann Henningsen: Es gibt da keine Empirie zur Wahrnehmung. Ich glaube, die meisten Rostocker*innen wissen einfach nicht, dass es diese Erinnerungszeichen gibt oder können sie nicht einordnen. Manche Rostocker*innen, die das Pogrom in Lichtenhagen als Zeitzeug*innen erlebt haben, sind davon emotional betroffen oder empfinden Scham. In Teilen der Stadtgesellschaft, auch im Stadtteil Lichtenhagen, gibt es aber auch eine offensive Abwehr des Gedenkens und der Erinnerungszeichen.Wenn wir Stadtrundgänge in Rostock-Lichtenhagen machen und dann am Sonnenblumenhaus stehen, werden wir manchmal von Passant*innen angesprochen. Die kommen größtenteils aus dem Viertel und wollen dann häufig rassistische Erzählungen teilen, in denen etwa die Schuld der Gewalt auf die Asylsuchenden geschoben wird. Oder es kommt die Frage: Das ist doch jetzt so lange her, warum muss das immer noch Thema sein?

Eine Besonderheit ist die Stele „Empathie“ auf dem Doberaner Platz, die den Betroffenen gewidmet ist und 2018 nachträglich hinzugefügt wurde. Wenn dem rassistischen Anschlag in Hanau gedacht wird, dann werden dort Bilder von den Ermordeten niedergelegt. Also da gibt es eine zivilgesellschaftliche oder aktivistische Aneignung des Gedenkzeichens. In Rostock haben bis 2022 die Betroffenen im Gedenken eigentlich nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Zu den betroffenen Asylsuchenden gab es keinen Kontakt und nur einzelne vietnamesische Betroffene spielten eine aktive Rolle im Gedenken. Und jetzt gerade – seitdem wir mit Betroffenen des Pogroms aus rumänischen Roma-Communities arbeiten – beobachten wir, dass es gegen deren Erzählungen Widerstände gibt. Wenn es zum Beispiel darum geht, familiäre Verfolgungsgeschichten zu erzählen, die von der Zeit des Nationalsozialismus und des Völkermords bis nach Rostock-Lichtenhagen reichen.

LaG: Was müsste noch passieren im Rostocker Gedenken an Lichtenhagen, was würden Sie sich wünschen für die Zukunft?

Johann Henningsen: Verschiedene Aspekte des Ereignisses sind in der stadträumlichen Erinnerung stark unterbelichtet. Zum einen fehlen immer noch die Perspektiven der Betroffenen, zum anderen betrifft das die Dimension der Massengewalt: Da stehen tausende Menschen, schauen sich das an, applaudieren, unterstützen durch ihre bloße Anwesenheit die Gewalt. Und das waren größtenteils Rostocker*innen. Also es gibt eine Mitwirkung der Stadtgesellschaft am Pogrom – und ich glaube, das zu erinnern und stetig zu verhandeln, ist eine unglaubliche Herausforderung, der man sich eigentlich noch nicht gestellt hat.

 

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